Verzerrte oder übersteuerte Aufnahmen? Was meint er denn damit? Wir geben uns doch beim Aufnehmen unendlich viel Mühe, eine saubere, unverfälschte Aufnahme ohne Verzerrung in die DAW zu bekommen. Egal ob im im Heimstudio oder Profi-Studio! Und gerade bei Gesang und Rap achten wir peinlichst genau auf den richtigen Aufnahme-Pegel und benutzen einen möglichst sauber klingenden Mic-Preamp, damit bloß nichts übersteuert. Und jetzt soll ausgerechnet das Gegenteil auch richtig sein? Also Verzerrung frei für alle Vocal-Recordings?Jein!

Digitale und analoge Verzerrung

Man muss hier natürlich differenzieren! Was in der analogen Welt gut klingen kann, muss dies noch lange nicht in der digitalen Welt! Denn der Eingangspegel beim Aufnehmen sollte am Mic-PreAmp schon so gewählt werden, dass der Analog-Digital-Wandler im Audio-Interface nicht übersteuert. Eine digital-übersteuerte Aufnahme schneidet nämlich einfach alles oberhalb von 0 dbFS ab. Die Welle des Signals wird rechteckig und damit im Prinzip zerstört. Diese Aufnahme ist dann meistens unbrauchbar und man kann sie nur mit Mühe und mit deutlichem Qualitätsverlust wieder retten. Wenn Du Dich fragst, wie man das retten kann, dann schau gerne mal in meinen Artikel hier, denn da erkläre ich genau diese Rettungsmöglichkeit für (fast) jede Aufnahme.

saubere Sinus-Wellenform ohne Verzerrung

Ohne digitale Verzerrung bleibt die Wellenform unbeschädigt und klingt sauber.

Sinus-Wellenform mit digitaler Verzerrung

Bei digitaler Verzerrung schneidet die Wellenform einfach bei 0 dbFS ab.

Die analoge Verzerrung (auch Overdrive oder Saturation genannt), von der ich eigentlich schreibe, findet nicht im analog-digital-Wandler vom Interface statt, sondern davor: Im Mic-Pre (Mikrofon-Vorverstärker). Wie bei einem Gitarrenverstärker mit fettem Rocksound kann man natürlich auch bei einem Mic-Pre die Schaltung übersteuern. Und das geht bei Transistor (z.B. Warm Audio WA73)  und (!) bei Röhren-Vorverstärkern (z.B. Universal Audio 6176). Damit übersteuert auch das Signal vom Mikrofon wir bekommen die typische Verzerrung. Man muss allerdings mit dem Output-Regler am Mic-Pre oder dem Eingangsregler am Audio-Interface dafür sorgen, dass der AD-Wandler (analog-digital-Wandler) nicht übersteuert, sonst lies noch mal den vorherigen Absatz!

Und wofür das Ganze?

Vielleicht ist es noch aus alten Radio-Tagen in unseren Gehirnen und Hörgewohnheiten verankert, aber gerade früher waren sehr impulsiv vorgetragene Reden mangels Kompressoren oft stark übersteuert. Und je energischer der Redner sprach, um so mehr übersteuerte der Vorverstärker. Diese Verbindung ist also anscheinend in unserem Hirn „verdahtet“. Aber selbst wenn nicht, der Effekt ist auf jeden Fall gut vergleichbar. Nimmt man einen Rap oder Gesang gleichzeitig mit zwei verschiedenen Mic-PreAmps auf, wobei einer von beiden voll übersteuert, dann ist die übersteuerte Aufnahme zwar in der Signalqualität sehr eingeschränkt, bekommt aber durch die Verzerrungen und harmonischen Obertöne eine fast schon fühlbare Power. Und diese lässt den Qualitätsverlust im Vergleich zur sauberen (cleanen) Aufnahme schnell vergessen.

Kann man Verzerrung auch nachträglich machen?

Der Sänger oder Rapper muss also bei der Aufnahme gar nicht brüllen, denn die Power kommt automatisch aus dem PreAmp. Einziger Nachteil, man muss sich bereits bei der Aufnahme dafür entscheiden und kann die Aufnahme anschließend nicht mehr „retten“. Wenn Du das nicht möchtest, nimm einfach clean auf und lege anschließend in die Spur ein PlugIn, das auf Verzerrung und Sättigung des Signals spezialisiert ist. Hier funktioniert vom klassischen Bodentreter für Gitarren über Amp-Simulationen bis zu Tape-Saturation nahezu jedes PlugIn, dass die analoge Verzerrung und Sättigung des Signals mit Obertönen und Verzerrungen beherrscht.

Von kostenlos bis kostenpflichtig

Ich nutze gerne den Camel Crusher, das IVGI2 von Klanghelm, aber auch klassische Tape-Saturation wie das Waves Kramer Tape oder von Universal Audio das Ampex ATR-102! Camel Crusher und Klanghelms IVGI2 haben den großen Vorteil, dass sie kostenlos sind und man mit beiden schon sehr gute Ergebnisse erzielen kann. Und das nicht nur als Insert-Effekt direkt im Kanal. Auch parallel zum Musikbus oder als leichte Anreicherung im MasterBus kann man mit Saturation den Mix noch mal aufwerten. Im MasterBus in Maßen, aber auf dem Vocal-Bus kann man schon mal richtig Gas geben. Viel Spaß auf jeden Fall beim Ausprobieren!

Trag Dich hier ein:
HIER ANMELDEN!

Halt, nicht weglaufen! 

Möchtest Du auch den RB-Newsletter haben?

Bleib auf dem Laufenden bei neuen Videos, Blog-Einträgen, Verlosungen, Angeboten und vielem mehr